unter 4 Augen mit...
[31.08.2011]
Name: Hasan Mohammed Ibou
Alter: 24
Hochschulsemester: 6
Studiengang: Bachelor Wirtschaftsinformatik
Warum Hochschulpolitik? „Weil ich mit meiner Tätigkeit den Studierenden direkt helfen kann.“
Politikoffensive: Hasan, Du bist seit 2008 in Deutschland und studierst erfolgreich Wirtschaftsinformatik. Was möchtest Du mit Deiner Tätigkeit als Referent für Internationales darüber hinaus erreichen?
Hasan: "Mit meiner Tätigkeit möchte ich so viele Erstsemester wie nur möglich erreichen. Ich denke, dass man als Hochschulpolitikakteur die Studierenden zum einen über die bestehenden Strukturen informieren muss. Zum anderen sollte die Transparenz bei allen hochschulpolitischen Vorgängen erhöht werden und im Endeffekt müssen mehr Studierende an Mitbestimmungsmöglichkeiten herangeführt werden. Ich bin jeden Tag sehr neugierig auf neue Impulse, um das „große Ganze“ voranzubringen." (Er lacht)
Politikoffensive: Bitte beschreibe, was die Unterschiede von einem Leben in Deutschland zu einem Leben in Syrien sind.
Hasan: "Der Unterschied ist sehr groß. Dieses Interview könnte zum Beispiel nicht in Syrien ohne Kontrolle geführt werden. D.h., in Deutschland ist die Würde des Menschen unantastbar – das Grundgesetz ist eine Institution – in Syrien gibt es solch eine Institution nicht. Ich hoffe, dass diese Verhältnisse sich in Syrien verändern werden."
Politikoffensive: Hat Deine Entscheidung in Deutschland zu studieren, etwas mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Syrien zu tun?
Hasan: "Meine Entscheidung in Deutschland zu studieren habe ich in meinem zweiten Semester der Wirtschaftsinformatik in Syrien getroffen. Das syrische Universitätswesen und das allgemeine Bildungssystem sind trivial ausgerichtet. Ein Auslandsstudium ist sehr schwierig zu bekommen. Deutschland ist eine erste Adresse für ausländische Studierende. Ein Auslandssemester in Deutschland hat meine Sprachkenntnisse wesentlich verbessert und ich bin zuversichtlich, dass mein Auslandsaufenthalt mir sehr viel bringen wird. Dennoch war dieser Fakt nicht für mein Auslandsstudium in Deutschland ausschlaggebend."
Politikoffensive: Das Jahr 2011 ist bereits jetzt ein historisch bedeutsames; Tunesien, Ägypten, Lybien, der Jemen und nun auch Syrien. Was sagst Du zu den anhaltenden zivilen Protesten in der arabischen Welt?
Hasan: "Was jetzt in der arabischen Welt passiert, hat mich nicht geschockt. Es hat mich nur gewundert, dass es so spät passiert ist. Ich denke, dass zivile Proteste sehr wichtig sind, um einen Demokratisierungsprozess in Syrien in Gang zu bringen. In Deutschland gehen die Menschen wegen Studiengebühren, Stuttgart 21 und Atomkraft auf die Straße; in Syrien wegen elementaren Dingen, wie etwa Meinungsfreiheit. Ihr Deutschen werdet seit nun mehr als 65 Jahren nicht mehr diktatorisch regiert. Die arabischen Länder fangen erst jetzt an ''aufzustehen'."
Politikoffensive: Was sollte sich Deiner Meinung nach in Syrien sofort ändern?
Hasan: "Wir leben seit 1964 im ''Ausnahmezustand' und Syrien wird seitdem von der Assad-Familie diktatorisch regiert. Die Bürgerrechte sind eingeschränkt und viele Akademiker, Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten und Künstler sind schon ausgewandert; das macht mein Heimatland kaputt. Es muss ein sicheres und demokratisches Umfeld geschaffen werden, damit Syrien sich entwickeln kann. Darüber hinaus muss das Bildungssystem verbessert werden: In Syrien leben ca. 22 Mio. Menschen. Davon sind über 60 Prozent zwischen 15 und 29 Jahre alt. Bei denen müssen wir investieren, dann wird es Syrien in der Zukunft auch besser gehen."
Politikoffensive: Welche Rolle spielt das Internet Deiner Meinung nach?
Hasan: "Das Internet und vor allem die Web 2.0-Revolution hat die Welt verändert: Informationen können in einem Augenblick um den gesamten Globus geschickt werden und es ist eine komplett neue Öffentlichkeit entstanden, die schwer zu kontrollieren ist. Die ägyptische Revolution wurde nicht umsonst als erste „facebook-Revolution der Welt'' bezeichnet. Proteste gab es schon immer, doch jetzt kann jeder über das Internet diese auch öffentlich machen."
Politikoffensive: Bist Du überzeugt, dass das syrische Volk das "Assad-Regime" bezwingen wird?
Hasan: "In jedem Land gewinnt am Ende das Volk – das habt Ihr Deutschen doch selbst erlebt. Kein Regime der Welt bleibt ewig an der Macht und kann nicht für immer alles und jeden kontrollieren. In Syrien wird es demokratische Veränderungen geben – entweder mit oder ohne die Assad-Familie."
Politikoffensive: Willst Du diesen Prozess aktiv unterstützen?
Hasan: "Viele Studierende sind schon aktiv und ich protestiere natürlich auch friedlich für mehr Freiheiten und Rechte in meiner Heimat. Viele aus meiner alten syrischen Universität machen sogar ''live'' mit; und das mit allen Konsequenzen. Da habe ich wirklich Respekt vor…"
Politikoffensive: Du hast ein politisches Mandat hier in Deutschland inne und wirst im kommenden Monat in Deine Heimat reisen; rechnest Du mit Repressalien?
Hasan: "Ja. Ich hörte schon von Verhaftungen und gezielten Hinrichtungen auf offener Straße und habe deshalb meine Reise abgesagt. Jetzt mache ich mir jedoch noch mehr Sorgen, um meine Verwandten."
Politikoffensive: Was befürchtest Du genau?
Hasan: "Würde ich in der jetzigen Situation nach Syrien reisen, würde ich Gefahr laufen, schon am Flughafen mit Sicherheitskräften in Kontakt zu kommen. Wenn das passieren würde, könnte ich nicht abschätzen, ob ich und meine Verwandtschaft fortan unter Beobachtung stehen würden. Dieses Risiko möchte ich nicht eingehen. Die Konsequenzen würden wahrscheinlich schwerwiegend sein. Und ich rede nicht von Wortgefechten..."
Politikoffensive: Was möchtest Du Deinen protestierenden Mitbürgern in Syrien mitteilen?
Hasan: "Ich hoffe, dass alle Protestierenden friedlich bleiben und dass keine weiteren Menschen verletzt oder getötet werden. Haltet durch - wir schaffen das!"
Politikoffensive: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde von Robert Salzmann geführt.
